Germanistik-Studium – „Und was macht man später damit?“

Das Studium der Germanistik gehört zu den absoluten „Kracher-Studiengängen“ der Geistes- und Kulturwissenschaften. Jedes Semester bewerben sich abertausende Studenten für diesen Studiengang an vielen Hochschulen. Doch was macht ein Germanist eigentlich?

Die Inhalte und Schwerpunkte des Germanistikstudiums

Traditionell unterteilt sich die Germanistik in die drei Hauptbereiche Literaturwissenschaft (bzw. Neuere deutsche Literaturwissenschaft), Mediävistik (bzw. Ältere deutsche Literaturwissenschaft) und germanistische Linguistik (bzw. Sprachwissenschaft). Zu diesen Schwerpunktthemen werden zu Beginn des Studiums jeweils Einführungslehrveranstaltungen à la „Einführung in die Linguistik“ geboten, bevor die Themen dann später in Seminaren und aufbauenden Kursen/ Vorlesungen vertieft werden.

Dabei dreht sich alles um die deutsche Sprache und deren Ausdrucksformen, weshalb die Literatur natürlich einen besonderen Schwerpunkt erhält. Doch auch das Internet und mediale Aspekte werden später in die wissenschaftliche Perspektive mit aufgenommen. Zu Beginn werden jedoch wie in jedem Studium theoretische und methodische Grundlagen vermittelt, auf denen die Wissenschaft beruht. Ein kleiner Überblick über die Inhalte der Schwerpunktthemen:

Literaturwissenschaft:
Hierbei geht es um die Literatur ab dem 16./ 17. Jahrhundert bis zur heutigen Zeit. Es werden Theorien und Perspektiven zur Gattungstheorie, Genderstudies und anderen interdisziplinären Fragestellungen vermittelt. Von Interesse ist auch der kulturell-mediale Einfluss, den die Literatur zum einen ausübt, aber zum anderen auch darstellt.

Mediävistik:
Die Literatur bis zum Ende des Mittelalters wird von der Mediävistik behandelt. Neben der Entwicklung der Sprache bis zu unserem heutigen Hochdeutsch über das Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Frühneuhochdeutsch werden die literarischen Werke und deren Besonderheiten in Produktion und Rezeption behandelt.

Linguistik:
Die germanistische Sprachwissenschaft setzt sich sowohl mit der Sprache als menschliches Phänomen als auch mit deren medialen Besonderheiten auseinander. So werden die Phonetik, Morphologie, Lexik, Semantik, Semiotik und Syntax behandelt, um anhand dieser wissenschaftlichen Gebiete darauf zu schließen, wie der Mensch kommuniziert.

„Und was macht man später damit?“

Fast jeder Geistes- und Kulturwissenschaftler kennt diese Frage, welche meist dann gestellt wird, wenn man kommuniziert hat, welcher Studiengang belegt wird – so auch bei der Germanistik.
Der Großteil stellt diese Frage jedoch nicht der Bosheit halber, sondern aus Unwissenheit. Des Weiteren gibt es später eben nicht den Beruf „Germanist“, sodass es nachvollziehbar ist, weshalb die beruflichen Aussichten eher unbekanntsind.

De facto sind Germanisten jedoch gerade durch die Vielfalt behandelter Themen und durch den Umstand, dass nichts sämtliche Bereich so umfassend durchfließt wie die Sprache, nahezu Alleskönner, die in jedem Unternehmen gebraucht werden können. Diese Vielfalt macht es jedoch potentiellen Arbeitgebern ebenso schwer, die Fähigkeiten einzuschätzen. Deshalb ist jeder Germanistik-Studenten gut beraten, sich neben und während des Studiums auf ein mögliches Arbeitsfeld durch Praktika und Nebenjobs zu spezialisieren. Kaum ein anderer Studiengang bietet sich für einen Quereinstieg besser an als die Germanistik.

Wer also auf die Frage antworten möchte, gibt im Idealfall folgendes preis: „Als Germanist bin ich befähigt, mich in fast jedem Bereich eines Unternehmens zu profilieren. Ich persönlich habe mich jedoch für den Bereich xyz entschieden.“ Was der Bereich xyz ist, muss jedoch jeder Germanist selbst herausfinden. Wer das nicht weiß, wird sich selbst später die unbeliebte Frage stellen müssen…

Zum Autor:
Dieser Beitrag wurde von Raimund Herms geschrieben, der seinen Bachelor in der Kulturwissenschaft mit dem Hauptfach Germanistik und dem Nebenfach Europäische Geschichte in Magdeburg erhielt. Derzeit absolviert er den Master-Studiengang Germanistik ebenfalls in Magdeburg und schreibt an seiner Masterarbeit. Zudem ist er seit über zwei Jahren nebenberuflich selbstständig.

 

Bild: motograf/ flickr.com

1 Comment

  1. Sehr geehrter Herr Autor,
    ich freue mich, dass Sie dieses Thema einmal so gerade heraus
    zur Sprache bringen, ich persoenlich bin von der Fraktion,
    die nicht verstehen, was Germanisten eigentlich tun, sollten sie sich nicht fuer die Laufbahn als Deutschlehrer entscheiden.

    Sie sagten ja oben in Ihrem Text:

    „Als Germanist bin ich befähigt, mich in fast jedem Bereich eines Unternehmens zu profilieren.”

    Ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit in Informatik und arbeite im Bereich Mobilkommunikation, entwickele neue Techniken, wie Endnutzer noch schneller Daten uebertragen koennen (Filme ruckelfrei gucken, Videospiele ueber’s Funknetz spielen, usw.).

    Ich beherrsche die Deutsche Sprache relativ gut lesend wie schreibend, wuerde ich meinen.

    Was bitte kann also ein Germanist, was ich nicht auch koennte?

    Diese Frage kann mir ein Germanist natuerlich auch stellen.

    Nun, in meinem Studium habe ich gelernt, Probleme zu analysieren, in kleine Teile zu zerlegen, verschiedene Abstraktionslevel zu erkennen, die Teilprobleme zu loesen und am Schluss alles wieder zusammenzusetzen.

    Im Softwarebereich beherrsche ich dazu ca. 10 verschiedene Programmiersprachen, habe tiefgehendes Verstaendnis fuer Betriebssysteme, Datenbanken und Sicherheitskonzepte, sowie Netzwerktopologien auf allen Layern.

    Ausserdem sind mir grundlegende Kentnisse der zugrunde liegenden Hardware eigen.

    Umfangreiches mathematisches Verstaendnis ist auch vorhanden.

    Da ein Germanist ja in praktisch jedem Bereich einsetzbar ist, gehe ich davon aus, dass er dies auch alles beherrscht, oder taeusche ich mich da?

    Mir wird oft gesagt, Germanisten koennten Texte analysieren und eigene verfassen; das muss ich auch jeden Tag tun, allerdings geht es bei mir um technische Dokumente, die ein gutes Stueck an Formeln enthalten, die oben erwaehntes Wissen und Verstaendnis voraussetzen.

    Kann ein Germanist das auch alles, und wenn nicht, was kann er stattdessen?

    Wie Sie in Ihrem Text richtig bemerkt haben, geht es mir nicht darum, hier Zwietracht zu schueren, sondern lediglich ein grundlegendes Verstaendnis fuer die Aufgaben eines Germanisten zu erlangen.

    Wenn ich auf Individuen dieser Gattung treffe, reagiere ich meist mit Unverstaendnis, was dann oft als Ablehnung aufgefasst wird und letztendlich in Antipathie muendet.

    Ich wuerde mich freuen, wenn Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen koennten.

    Vielen Dank.

    Gruesse

    Phil

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